Die Vergangenheit und die Zeit [Update]

Die Vergangenheit ist eine Einbildung unseres fantasiereichen, verlustbehafteten Datenspeichers, den manche gar nicht brauchen. Erinnert man sich, also legt den Fixationspunkt seiner Aufmerksamkeit nach innen auf diejenigen Bereiche des Hirns, die man lange nicht »abgerufen« hat, so ist es dasselbe, als ist man in der Gegenwart nicht ganz bei der Sache oder als versuche man, Zukünftiges zu visualisieren.

[Update: Das es also praktisch keine Gegenwart gibt, sondern sich von uns aus alles entweder in die Vergangenheit oder Zukunft orientiert, entspricht auch der ganzheitlichen kosmologischen Denke im Buddhismus, wie ich kürzlich aus einem Interview mit dem Dalai Lama, das ich gesehen habe, erfahren habe. Man kann sich das z.B. so verdeutlichen:

Spränge man in einen Zahlenstrahl zwischen zwei Ganzzahlen und addiere, was man links von sich bis zur nächstkleineren Ganzzahl sieht (z.B. ein 0,5er-Stück) mit dem, was man rechts von sich bis zur nächstgrößeren Ganzzahl sieht (in dem Fall auch ein 0,5er-Stück), so ergäbe es ganz genau 1,0 (0,5 + 0,5), was ja ganz exakt dem »Inhalt«/der Differenz zwischen zwei Ganzzahlen entspricht. Es ist also nicht >1, nur weil man als »Beobachter« in den Zahlenstrahl gesprungen ist. Das Bewusstsein zählt unter diesen Bedingungen also nicht mit ;-)]

Ganz gleich also, in welchen »Zeiten man schwelgt«, solange es einem real vorkommt – und damit meine ich, dass auch Gefühlsbilder aktiviert werden – kann das Gehirn nicht unterscheiden, in welcher Zeit das visualisierte spielte, spielt oder spielen wird. [Update: Das ist übrigens durch Neurowissenschaftler und sehr teure (jedoch fast nutzlose ;-) Maschinen bestätigt worden.]

Wenn wir sagen »das war sooo schön« oder »es wird schlimm werden«, dann benutzen wir unser allgegenwärtiges Hilfskonstrukt – die relative Zeit. Doch Zeit existiert überhaupt nicht. Das kann jeder aus eigener Erfahrung bestätigen, der schon ein paar mal auf einen Bus oder eine Bahn gewartet hat … unterhält man sich beispielsweise während des Wartens angeregt mit einem Freund, einer Freundin oder »Mitwartenden«, so »verfliegt« die Zeit förmlich, als sei es nur ein Traum gewesen. Ähnlich ist es, beschäftigt man sich intensiv mit sich selbst oder konzentriert mit einer Sache während die Zeit »verstreicht«. Man würde dann – retrospektiv – auch nicht behaupten, man hätte gewartet, auch wenn Stunden vergangen sind. Ganz anders ist es beim aktiven Warten. Die Zeit scheint dann überhaupt nicht zu »vergehen« sondern sich quälend wie Kaugummi zu »ziehen«, an dem man »hängen bleibt«. Der Unterschied liegt also, aktiv gesehen, in dem, was man tut (oder nicht tut) und passiv gesehen, in dem unterschiedlichen Betrachtungswinkel – und damit dem Standpunkt seines [Update: (höheren)] Selbst.

Ich schwelge gelegentlich in vergangenen Zeiten, freue mich, leide, durchlebe einzelne Augenblicke so, als seien sie ganz gegenwärtig – doch nie länger als für subjektive fünf Minuten. Ich ertappe mich dabei, »rückfällig« oder gar »nostalgisch« zu sein. Da frage ich mich, wenn die Zeit überhaupt nicht existiert, sondern nur dazu da ist, unserem physischen Gehirn das Verarbeiten der Informationsflut von aussen zu erleichtern, indem wir sie gar erschaffen, wenn wir automatisch alles in einige Millisekunden überspannende Mikro-Ereignis-Einheiten zerlegen, existiert dann die Vergangenheit überhaupt noch? Wie können wir uns sicher sein, dass wir das taten, was wir taten? [Update: Und wie können wir beeinflussen, was die Zukunft bringt?]

Seenplatte MüritzEs ist bekanntlich der Glauben! »Sehr stark und überzeugt an etwas glauben«, kann man »etwas wissen« nennen, doch erlangen wir dadurch keine Weisheit. Im Gegenteil – wir halten uns entweder a) an die Kreation unserer eingebildeten Vergangenheit, an unsere erlernten Konzepte, an die vorgetäuschten Tatsachen der verantwortungslosen Medien, [Update: an die ganzen historischen Lügen astronomischen und alchemistischen Ausmaßes etc. oder b) an Rosa oder Schwarz gemalte Zukunftsillusionen. In letzterem Fall nehmen wir uns dadurch selbst die zukünftigen Überraschungen des Lebens und eventuellen Möglichkeiten, intuitive – und beim Nutzen des Verstands auch rational abgewogene – Entscheidungen spontan zu treffen, weg.] Kaum ein Mensch hält inne – hinterfragt – überdenkt – fühlt(!) den eigentlichen Kern einer Sache … das finde ich sehr schade, zumal die Wahrheit immer ganz einfach ist.

Lebt den Augenblick! Kein Zögern, kein Hadern, sondern Genuss!

Weitersagen: Diese Icons verlinken auf Bookmark Dienste bei denen Nutzer neue Inhalte finden und mit anderen teilen können.
  • email
  • Google Bookmarks
  • Facebook
  • Twitter
  • del.icio.us
  • Digg
  • LinkedIn
  • Technorati

Flattr this!

2 Kommentare

  1. LeanDracalea sagt …
    am 25. Januar 2008 um 15:23 | Permalink

    Die Sache ist auf den Punkt gebracht.

    Wo ist der Anfang und wo das Ende? Es gibt Fragen, auf die es keine handfesten Antworten gibt.

    Was ist Zeit?

    In dem sinne

    Lean

  2. LadyTux sagt …
    am 10. März 2009 um 16:51 | Permalink

    Nichts beeinflußt den Menschen mehr wie seine eigenen Gedanken
    Ob diese Phantasie sind oder nicht!
    In diesem Sinne.
    Noch einen phantastischen Tag

    Tuxie

Einen Kommentar schreiben

Du musst angemeldet sein, um kommentieren zu können.